Back to the 90s?!

Zurück in die 90er?!

Aldi hat gerade in seiner Retro-Woche den River-Eistee der 90er zurückgebracht, der ruckzuck ausverkauft war. Seit dieser Woche gibt es Diddl wieder. Produkte der 90er-Jahre, die gerade regelrecht gehyped werden.

Da der Instagram-Algorithmus sehr auf Zack ist, spült er mir dieser Tage lauter Beiträge in den Feed, in denen Menschen meines Alters Fotos teilen à la „was wir in den 90ern unbedingt haben mussten“. Und die Kommentarspalten explodieren: „Hatte ich auch, OMG! Das da! Und das da!“

Der einhellige Tenor: was war das doch damals für eine unbeschwerte Zeit. Und was gäben wir dafür, noch einmal zurückzureisen…

Ich fühl’s.

Ich bin Anfang 1987 geboren.
Die 90er, das war meine Zeit.

Bei aller Verklärung, das will ich vorab anmerken, es war definitiv nicht alles eitel Sonnenschein. Ich hatte oft Probleme mit meinen Mitschülern, habe Mobbing erfahren. War wahnsinnig unzufrieden mit mir und meinem Körper und hatte immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Als Kind konnte ich es kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden und mir von niemandem mehr etwas vorschreiben lassen zu müssen.
Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich mich mal in diese Zeit zurücksehnen würde. Aber so ist das mit Erinnerungen… unser Oberstübchen schützt uns, indem es vieles Ungute mit den Jahren verblassen lässt und die Andenken an die guten Momente damals hüten wir wie wertvolle Anker in ein anderes Leben, das mal unseres war.

Ich möchte mir jetzt also bewusst mal ein wenig Nostalgie erlauben. In diesem Beitrag nehme ich dich mit. 💛

Übrigens habe ich mich lange mit etwas Bedauern gefragt, warum ich in so einem langweiligen Jahrzehnt aufgewachsen musste. Die 70er, die 80er – das war kultig! Aber die 90er? Halt „normal“ und langweilig, dachte ich schulterzuckend. Erst im Nachhinein mit etwas Abstand wird mir klar, dass die 90er genauso besonders waren auf ihre Art.
So richtig gemerkt habe ich das übrigens vor zwei Jahren, als ich die Autobiographie „Geile Zeit“ von Niclas Seydack las. Lesetipp!

Geile Zeit: Autobiographie einer Generation
Von Seydack, Niclas (Autor)
Preis: 14,00 €
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Warum dieser 90er-Hype?! Und warum jetzt?

Die Welt ist chaotisch und beängstigend geworden. Klimakrise, Waldbrände, Angriffskrieg, Handelskrieg, Irankrieg – das sind die Vokabeln, die die Nachrichten prägen. Alles wird teurer, massenweise Entlassungen hier, eine zynische Gesundheitsreform da und eine Regierung, die das eigene Volk für faul hält – der Ton ist rauh geworden. Sozialstaat ade. Social Media-Algorithmen, die einem ungefragt Accounts unter die Nase reiben à la „Schau her, die haben die gleichen Themen wie du und kriegen das hier aber alles viel professioneller hin!“. KIs, die die Messlatte für Geschwindigkeit wahnsinnig hoch geschraubt haben, uns mit hirnlosem Slop überschwemmen und derweil unkontrolliert agieren, aus einer Testumgebung ins offene Internet ausbrechen und eigenständig richtig gefährliches Zeug veranstalten.

Alles wird immer schneller und komplexer und irgendwie versuchen wir, bei alldem mitzuhalten.
Es macht Angst. Es zermürbt.

Naheliegend, dass wir uns zurücksehnen in eine einfachere Zeit. Für meine Generation sind das die 90er.

Ich weiß nicht, ob damals wirklich „alles besser“ war – oder ob wir vieles einfach nicht mitbekommen haben, weil wir halt Kinder waren. Auch in den 90ern gab es Kriege. Ein aus Bosnien geflüchtetes Mädchen kam um 1994 herum in unsere Grundschulklasse und wurde sehr herzlich aufgenommen. Aber was sie erlebt hatte, Krieg und Gewalt, das blieb abstrakt für uns.

Wir sind aufgewachsen in dem Glauben an eine bessere Zukunft. Wenn wir mal groß wären…! Wir hatten wilde Träume und Pläne. Vielleicht waren wir naiv, aber wir fühlten uns… sicher.
Diese Zuversicht ist uns irgendwann abhanden gekommen. Irgendwo zwischen 9/11, Corona und Trump. Gefühlt geht es nur noch den Bach runter und was auch immer die Zukunft bringen mag, vermutlich ist es nichts Gutes.

Deswegen… zurück in die 90er. Zumindest für eine kurze Auszeit.

Ich habe mal in meinen Erinnerungen gekramt und auch etliche mehr oder weniger peinliche Bilder herausgesucht. 😀

Shoppen ohne Internet

In den 90ern entschieden nicht nur das Taschengeld und gegebenenfalls die Erlaubnis der Eltern darüber, was man hatte und was nicht. Ein entscheidender Faktor war nämlich, wo man es überhaupt kaufen konnte. Onlineshopping gab es noch nicht und hier auf dem Land kamen Trends oft erst später an. Wir hatten hier einfach keine angesagten Läden.
Ungefähr einmal im Jahr fuhren meine Mama und ich daher mit der Bahn nach Köln, um einen ganzen Tag lang zu shoppen und uns großstädtisch zu fühlen. In den Läden dort gab es alles – Eastpak-Rucksäcke, Schlaghosen, coole Getränke, … das waren immer richtig tolle Ausflüge.

Zuhause waren wir Kids hauptsächlich auf den örtlichen Schreibwarenladen angewiesen. Wie viele aus meiner Klasse fuhr ich mit dem Linienbus zur Schule und das bedeutete, dass wir nach Schulschluss eine knappe halbe Stunde auf den Bus warten mussten. In dieser Zeit konnte man zum Schlecker gehen für Süßigkeiten, in die Pommesbude oder Eisdiele, oder aber man pilgerte zum Schreibwarenladen. Ich glaube, in der Zeit ist meine Liebe für Papeterie entstanden, die mich später zum Bullet Journaling führen sollte. 😀

Allem voran gab es dort natürlich „normale“ Schreibwaren, aber auch Diddl, Gadgets wie Schlüsselanhänger-Plüschtierchen von sheepwold, diese überdimensionierten Plastikschnuller, Jo-Jos oder Tamagotchis.
Glitzer-Gelstiften oder Heftern, Notizbüchern & Co. mit Pferden drauf konnte ich ebenfalls nicht widerstehen. Diesen Hefter hier habe ich immer noch, aus der Reihe gab es relativ viel – leider habe ich online gar nichts zu der Marke finden können. Kennt die noch wer?

Schreibwaren mit Pferden aus den 90ern

Sammeln & Tauschen

Mit der Zeit besaß ich ziemlich viel von Diddl: so ein Stiftekästchen aus Metall, Bleistifte, eine Spardose, Radiergummis, Hefte, Ordner … und natürlich Blöcke! Die Blätter wurden getauscht, was das Zeug hielt. Ich liebte den Zeichenstil, die bunten Hintergründe, die charakteristische Schriftart. Ich zeichnete jede Menge Diddl-Bilder und bastelte auch sonst viel aus ausgeschnittenen Diddl-Motiven.

Natürlich hatte ich auch so einen Ordner zum Sammeln der Diddl-Blätter. Sie wurden in spezielle Plastikhüllen einsortiert, die entsprechend unterteilt waren für DIN A5-Blätter oder noch kleinere Formate. Ich weiß gar nicht, was aus meiner Sammlung geworden ist… die Tochter meiner Freundin (die zu jung ist für Diddl damals) hat auf jeden Fall noch einen Ordner, den sie selber mal geschenkt bekommen hat. Hach, da wurden jetzt Erinnerungen wach beim Durchblättern. 😀

Alte Sammlung von Diddl-Blättern

Was wurde noch getauscht? Stickeralben und Freundschaftsbücher. Sticker erklären sich von selbst. Richtig cool waren die aus Kork oder welche mit Plüsch!
In Freundschaftsbücher – nicht zu verwechseln mit den Steckbriefen in Freundschaftsalben oder den aufwendigen Poesiealben – schrieb man sich gegenseitig das, was heute in WhatsApp landet, meistens nahm man sie mittags abwechselnd mit nach Hause. Gab es sowas bei dir auch?

Mode & Accessoires

Kommen wir zu den Klamotten und typischen Must-Haves.

Um 1995 herum durfte ich ja endlich anfangen zu reiten und dieses Foto sagt alles über den damaligen Kleidungsstil, oder? 🤣

Reitunterricht in den 90ern

Auch diese Jacke fetzt… 🤭

Hollandurlaub in den 90ern
Im Hollandurlaub in Middleburg

Fast genauso schick ist diese pinke Jacke, natürlich nur in Kombination mit der roten Hose. 🤣

Stylish in den 90ern
1992 oder so

Und natürlich hatte ich Turnschuhe mit Klett! Die sollte es echt mal wieder geben. 😀 Ich weiß übrigens nicht mehr, ob die gute Adda und ich hier Hundefutter-Models werden wollten oder was auch immer? 😆

Mode in den 90ern
Um 1997 herum

Irgendwann hatte ich endlich eine Uhr von Baby-G. Total klobig, aber ein Must Have. In einem kleinen runden Fensterchen lief regelmäßig eine Animation aus einer Handvoll Pixel ab und natürlich konnte sie zu jeder vollen Stunde piepsen, zum entnervten Augenrollen der Lehrer, die diese digitale Kakophonie stoisch ertrugen.

Auch Plateauschuhe von Buffalo gehörten dazu.

Must Haves der 90er
Ca. 1999

Was man in diesem grauenvollen Foto auch sieht: eines der besagten Schlüsselanhänger-Schäfchen und natürlich den Röhrenmonitor meines damaligen Rechners. 😀

Was trug man noch? Tattoo-Ketten und Buddha-Perlenarmbänder.
Als die Tattooketten vor zwei, drei Jahren wieder auf den Markt kamen, habe ich direkt ein Set gekauft und muss immer noch grinsen, wenn ich sie mal anziehe. 😀

Bücher & Hefte

Bücher verschlang ich stapelweise, oft ganze Buchreihen: Bille & Zottel, Die drei ???, Gänsehaut, Dolly, Hanni und Nanni, Fünf Freunde, TKKG, … die meisten Pferdebücher von damals habe ich immer noch.
Als wir 2017 ins Haus zogen und erstmal kein Internet hatten, las ich morgens beim Frühstück alle Bille & Zottel-Bände nochmal. 😀

Bille & Zottel – Pferdebücher aus meiner Kindheit

Nicht fehlen durften Lustige Taschenbücher, die Mickey Maus-Hefte und die Wendy. Die Bravo hat mich irgendwie nie sonderlich interessiert. 🤷‍♀️

Aus den Pferdezeitschriften wurden selbstverständlich die Poster und Postkarten herausgetrennt und an jeden freien Quadratzentimeter der Wände meines Kinderzimmers geklebt:

Mein Kinderzimmer in den 90ern
Mein Kinderzimmer in den 90ern (mit einer Bekannten meiner Eltern)

Ob es übrigens ein Zufall ist, dass meine Dolida dem selbstgebastelten Pferdchen am Fenster ganz schön ähnlich sieht? 😍

Musik

Musiktechnisch war man bei uns zu Grundschulzeiten entweder Team Kelly Family oder Team Backstreet Boys. Ich war ersteres… und finde es bis heute sehr schade, dass ich trotz allen Bettelns nie zu dem legendären Kelly-Schiff nach Köln durfte. Meine allererste Kassette war „Keep on singing“ von den Kellys.

Später kamen andere Gruppen dazu. Der jährlichen „Bravo Hits“-CD wurde lange vor Weihnachten entgegengefiebert. Fun fact: viele davon habe ich immer noch und auch wenn es mir ein bisschen peinlich ist, mag ich viele der Songs von damals. 😆

CDs von 1997

Und wie hörte man die CDs? – Ich weiß gar nicht mehr, was ich zuerst hatte: so einen tragbaren CD-Player mit Kassettenfach vorne oder dann so ein fancy Teil, in das man die CD senkrecht einlegte und was links und rechts zwei separate Lautsprecher hatte. Das mit der senkrechten CD führte übrigens dazu, dass sie gerne mal unsauber abgespielt wurde und das fitzelige LED-Display einen mürrischen „ERR“ meldete. Übrigens genauso wie mein tragbarer CD-Player, der deutlich später einzog (das war dann so um 2004 herum).

Spielzeug & Co.

Das Kultspielzeug der 90er schlechthin, ein Tamagotchi, durfte ich nie haben. Irgendwann bekam ich dann mal eines ausgeliehen und war nach einem Tag so genervt, dass ich es freiwillig zurückgab.
Mit Barbie, Sailor Moon oder Furbies hatte ich auch nichts am Hut.

Was ich geliebt habe: mein Diabolo! Dieser Doppelkegel aus Plastik, den man auf einer zwischen zwei Stöcken gespannten Schnur jongliert hat. Hochwerfen, Auffangen, Drehen, Überschläge, … ich konnte ziemlich viele Tricks. 🤩

Zu Weihnachten gab es oft etwas von Lego – da habe ich stundenlang dran gebaut!

Lego – Weihnachten in den 90ern
Etwa 1992

Außerdem besaß ich eine ganze Brigade an Plüschtieren. Viele habe ich bis heute noch und bringe es nicht übers Herz, sie wegzugeben. 🥹
Eine Baby Born durfte natürlich auch nicht fehlen und hatte diverse Puppenfreunde. Im Nachhinein betrachtet mutet es etwas skurril an, dass die eine Puppa da naggisch sitzt… die durfte eine Zeitlang immer mit in die Badewanne, bis sich herausstellte, dass sie innen Algen ansetzte. 👀

Puppen und Plüschtiere in den 90ern
Puppen und Plüschtiere in den 90ern
Etwa 1993

Im Hintergrund: ein Telefon mit Schnur und natürlich der Plattenspieler. Warum auch immer ich ein Sommerkleidchen trage, wenn da anscheinend ein Weihnachtsbaum als Deko hängt. 😅

Rollschuhe waren schon gut, aber richtig cool waren Inliner:

Inliner in den 90ern
Um 1994 herum

Da wir sehr abschüssig wohnten, kam ich erstmal nicht viel zum Fahren. Eigentlich immer nur huiiiii bergab und hoffen, dass kein Auto kommt. 😀 Später bot mir dann eine Freundin an, mit ihr zusammen auf einem ein Stück entfernten, flachen Radweg mal richtig Strecke zu machen. Die Ernüchterung war groß, als sich herausstellte, dass es bei teuren Inlinern soetwas wie Kugellager gibt und ich mit meinen Normalogaloschen partout nicht auf ihre Geschwindigkeit kam, das war reichlich frustrierend. 😶

Was hatten wir nicht, was heute selbstverständlich ist?

Allem voran Internet und Handys.

Wenn bei uns in der Unterstufe Unterricht ausfiel und wir früher Schluss hatten, fuhr oft kein Bus (und von der Bushaltestelle waren es nochmal etliche Kilometer bis zu uns nach Hause). Ergo rief man zuhause an, ob einen jemand abholen könne. 
Zum Telefonieren gingen wir entweder in das alte Internatsgebäude unserer Schule, das am Ende eines langen, miefigen Flurs mit dunkelbraunem Teppichboden einen Münzfernsprecher besaß. 3 10-Pfennig-Stücke und ab dafür. Später verließen wir einfach das Schulgelände und gingen zur klassischen gelben Telefonzelle bei der Bushaltestelle.

Für Referate wurde Microsoft Encarta benutzt – das Programm hatte jeder zuhause auf dem Computer und war quasi unser Offline-Wikipedia. Anfänger kopierten ganze Absätze heraus, die die ebenfalls mit Encarta ausgestatteten Lehrer dann beim Vortrag Wort für Wort mitlesen konnten, Fortgeschrittene wurden wahre Meister im Umformulieren.

Kaum zu glauben, wie selbstverständlich das Internet und diese ständige Verfügbarkeit von allem heute für uns geworden ist… das hätten wir uns damals niemals vorstellen können. Ab 2004 hatte ich dann übrigens Webseiten. Verrückt, oder?

Diddl is back

Um jetzt allmählich mal zum Ende zu kommen und den Bogen zum Beginn dieses Beitrags zu schlagen: ich kam einfach nicht umhin, mich von dem auf Social Media grassierenden „Diddl is back“-Fieber ein bisschen anstecken zu lassen. Was übrigens nicht ganz einfach ist… man kann’s nämlich nicht online bestellen. Man soll in die Schreibwarenläden gehen, ganz wie früher. Das finde ich eigentlich sehr charmant.

Allerdings wurden wohl nur so wenige Produkte ausgeliefert, die auch nicht nachbestellbar sind, dass es leider sehr nach künstlicher Verknappung riecht.
Montags am 20.7. war Verkaufsstart. Der Storefinder auf der Diddl-Seite lotste mich zu einem Laden in der Nähe meiner Arbeitsstelle – Fehlanzeige, die wurden gar nicht beliefert. Ende der Woche versuchte ich es dann in einem Schreibwarenladen hier in der Nähe: Glück gehabt, Reste gab es noch!

Diddl is back – Juli 2026

Notizbücher, Stifte, Lesezeichen, … aber ausgerechnet Blöcke gab es nicht mehr. Die Motive finde ich ehrlicherweise auch nicht so schön gestaltet wie früher…. ich mochte diese leuchtend bunten Aquarellhintergründe sehr. So habe ich dann nur zwei Bleistifte für mich und meine Freundin gekauft.

„Ist eh Geldmache!“, schimpfte meine Mama. Und irgendwie hat sie recht. Aber trotzdem.
Eine kleine, warme Erinnerung daran, dass es mal unbeschwertere Zeiten gab. Die fröhliche Springmaus lenkt einen Moment lang ab. Sie tröstet. Und vielleicht brauchen wir gerade genau das.

Dankeschön fürs Weitersagen! :)

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Ich bin Anne Schwarz – Multipassionate, waschechtes Dorfkind und Bloggerin aus Leidenschaft. Hier schreibe ich über alles, was den Alltag verzaubert & verwandelt in einen Lieblingsalltag.

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