Die Rauhnächte

Rauhnächte

Zwischen Weihnachten und Neujahr liegt diese eigenartige Zwischenzeit… die Rauhnächte. Was hat es damit auf sich und was kannst du aus dieser Zeit für dich mitnehmen?

Die Tage zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr fühlen sich anders an: langsamer, diffuser, manchmal ein bisschen entrückt. Hier verorten sich die sogenannten Rauhnächte – jene Nächte „zwischen den Jahren“, denen im europäischen Brauchtum seit Jahrhunderten eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird.

Vielleicht spürst du das auch: diese Tage gehören weder so richtig zum alten, noch zum neuen Jahr. Vielleicht bringst du noch das ein oder andere Vorhaben zum Abschluss, um aufgeräumt in den Januar starten zu können. Vielleicht schreibst du deinen Jahresrückblick. Möglicherweise planst du auch schon das nächste Jahr… aber noch ist nichts konkret, noch geht es nicht los.

Die Zeit scheint gerade ein wenig anders zu fließen als sonst.

Woher die Rauhnächte kommen: Mondjahr, Sonnenjahr und eine Lücke im Kalender

Was ja oft sehr mystisch klingt, hat einen herzlich nüchternen, mathematischen Ursprung. Ein Mondjahr, das sich an den Mondphasen orientiert, umfasst zwölf Mondmonate mit insgesamt etwa 354 Tagen. Das Sonnenjahr, das sich nach dem Lauf der Sonne und den Jahreszeiten richtet, ist mit rund 365 Tagen aber deutlich länger.
Diese Differenz von elf Tagen (beziehungsweise zwölf Nächten) passte früher nicht in die Zeitrechnung. Daher galt diese Lücke im Kalender als Tage außerhalb der Ordnung, als eine Art zeitloser Raum.

Solche „Tage außerhalb der Zeit“ wurden in vielen Kulturen als besonders empfunden. Wenn die gewohnte Ordnung aussetzt, so die Vorstellung, dann werden auch die Grenzen durchlässiger: zwischen alt und neu, zwischen Menschenwelt und Geisterwelt, zwischen Gegenwart und Zukunft.

Wintersonnenwende

Wann sind die Rauhnächte?

Welche Nächte genau dazugehören, unterscheidet sich regional. Häufig werden die zwölf Weihnachtstage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar genannt, andernorts beginnt diese Zeit bereits zur Wintersonnenwende bzw. Thomasnacht am 21. Dezember und geht bis Neujahr.

Kurzer Exkurs, was ist der Unterschied zwischen der Winntersonnenwende und der Thomasnacht? – Die Wintersonnenwende bezeichnet den astronomischen Zeitpunkt des kürzesten Tages und der längsten Nacht des Jahres, meist am 21. Dezember. Die Thomasnacht ist die kirchlich geprägte Bezeichnung für die Nacht auf den Thomastag – ebenfalls die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember.

Vor allem in Süddeutschland beginnen die Rauhnächte mit der längsten Nacht des Jahres, dort wird sie auch Rumpelnacht genannt.

Sternenhimmel

Die Wilde Jagd, Räuchern und Vorsicht

In den Rauhnächten, so heißt es, ist die Wilde Jagd unterwegs: ein geisterhafter Zug aus Dämonen, den Seelen Verstorbener oder mythologischen Gestalten. Um sich vor ihnen zu schützen, wurde auch früher schon ordentlich Lärm gemacht, geläutet, geböllert oder geräuchert.
Viele dieser Bräuche leben bis heute fort: in den Perchtenläufen im Alpenraum, im Rummelpottlaufen in Norddeutschland oder natürlich auch im Silvesterfeuerwerk.

Vögel kreisen am Nachthimmel

Das Räuchern von Häusern und Ställen diente dabei in früheren Zeiten nicht nur spirituellen Zwecken, sondern hatte auch eine ganz praktische Komponente: Hygiene.
Oft trennte eben nur eine Holzwand den Stall vom Wohnbereich, teilweise war der Bereich zu den Tieren sogar ganz offen. Der Rauch bestimmter Kräuter und Harze wirkt antibakteriell und insektenabwehrend. Das Ausräuchern von Ställen und Wohnräumen konnte also tatsächlich dazu beitragen, Krankheitserreger, Ungeziefer oder muffige Luft zu reduzieren.

Geräuchert wurde traditionell mit dem, was regional verfügbar war. Häufig kamen Wacholder, Beifuß, Salbei, Fichten- oder Tannenharz, Birkenrinde oder Weihrauch zum Einsatz.
Wacholder galt vielerorts als besonders schützend, Beifuß als reinigend und ordnend, Salbei als klärend. Weihrauch fand seinen Weg vor allem über kirchliche Rituale in die Rauhnächte, wurde aber auch außerhalb des religiösen Kontexts genutzt.

Gleichzeitig galten die Rauhnächte als Zeit, in der man besonders achtsam sein sollte. Nicht waschen, nicht spinnen, keine weiße Wäsche aufhängen, möglichst wenig arbeiten… vieles davon wirkt heute wie Aberglaube, erzählt aber viel über den Respekt vor dieser Schwellenzeit.

Wahrsagen und sprechende Tiere

Dass die Rauhnächte auch als geeignete Zeit für Orakel galten, fügt sich in dieses Bild. Wetterregeln für die kommenden Monate, Bleigießen, Wachsgießen oder zerteilte Äpfel sollten Hinweise geben, wie das neue Jahr werden könnte. Dabei ging es weniger um Kontrolle als um Orientierung – um ein vorsichtiges Vorausfühlen, nicht um feste Vorhersagen.

In manchen der Nächte sollen die Tiere in der Lage sein, zu sprechen… na, bei unseren Pferden wüsste ich schon gerne, was die so zu sagen haben. 😉

Vom Brauch zum Trend

Heute erleben die Rauhnächte eine ziemliche Renaissance. Kaum kommt der Dezember, schon füllen sich Buchhandlungen, Onlineshops und Social Media mit Rauhnacht-Kalendern, Orakelkarten, Journals, Räucherwerk, geführten Programmen und fertigen Ritualsets. Die Rauhnächte sind – zumindest auf den ersten Blick – zu einem Produkt geworden.

Offensichtlich treffen die Rauhnächte einen Nerv. Viele Menschen sehnen sich nach Struktur in dieser seltsamen Zeit zwischen den Jahren, nach einem bewussten Abschluss und einem sanften Übergang. Das ist per se natürlich nicht schlecht.

#fotoprojekt17 – Winterbäume

Problematisch wird es erst dann, wenn daraus ein neuer Leistungsdruck entsteht. Wenn du das Gefühl bekommst, alles rund um die Rauhnächte „richtig“ machen zu müssen. Jeden Tag mindestens ein Ritual, natürlich nur mit dem kompletten Equipment, sämtlichen exotischen Räuchermischungen und allem Pipapo.

Das ist Bullshit!

Im Kern geht es bei den Rauhnächten nicht um Räucherwerk oder perfekte Wünsche. Es geht um Aufmerksamkeit. Um das bewusste Wahrnehmen dessen, was hinter dir liegt und um ein vorsichtiges Spüren dessen, was im nächsten Jahr kommen darf. Eine kleine Unterbrechung im trubeligen Alltag.

Wie kannst du die Rauhnächte bewusst gestalten?

Du kannst die Rauhnächte ganz schlicht begehen. Ein Notizbuch reicht. Ein Spaziergang. Ein paar ruhige Abende, an denen du nicht sofort wieder ins Funktionieren springst. Vielleicht eine Frage pro Tag… oder vielleicht auch gar keine.

Du kannst meditieren – musst es aber nicht. Auch Kartenlegen, deine Wünsche auf Zettel schreiben oder sonstige Praktiken sind nicht „vorgeschrieben“. Schau, was sich für dich richtig anfühlt.

Du musst dabei auch nicht räuchern. Ich persönlich finde Räuchern in der Theorie wirklich toll. In der Praxis bin ich aber halt sehr geruchsempfindlich und musste mich dazu immer überwinden. Rauchmeldern sei Dank geht das eh nur draußen und nun ja, so richtig zur Ruhe komme ich halt einfach nicht, wenn ich mit meinem Räucherwerk bei uns auf der Terrasse sitze, die nun mal von den anderen Häusern ringsum einsehbar ist und immer damit rechnen muss, dass gleich ein neugieriger Nachbar winkend auf einen Plausch rüberkommt.

Wenn du gern schreibst, passt diese Zeit wunderbar zu einem Jahresrückblick. Ich habe dazu vor einer Weile eine Anleitung veröffentlicht, wie du dein Jahr reflektieren kannst. Die Rauhnächte können dafür ein schöner Rahmen sein, müssen es aber nicht.
Meinen diesjährigen Jahresrückblick werde ich mal wieder als Beitrag zu Judith Peters’ Jahresrückblog veröffentlichen; ein gemeinsames Projekt, bei dem viele Blogger zeitgleich ihre ganz persönlichen Rückblicke teilen.

Davon abgesehen mag ich mir in diesen Tagen ein wenig mehr Zeit zum Journaling nehmen… mich wie immer Ende Dezember an meinem neuen Kalender erfreuen und die ersten Dinge planen… und in liebgewonnener Tradition werde ich auch wieder mit der Kamera losziehen in ein Waldgebiet hier in der Nähe, das mache ich seit vielen Jahren immer nach Weihnachten.


Begehst du die Rauhnächte?

4 Gedanken zu „Die Rauhnächte“

  1. Liebe Anne,
    wir haben uns auch dieses Jahr intensiv mit den Rauhnächten beschäftigt und wählen diesmal einen ziemlich pragmatischen Zugang. Ohne Räuchern und Hokuspokus, aber mit Selbstreflexion und Journaling.
    Ich wünsch dir schöne Feiertage und eine wundervolle Zeit zwischen den Jahren.

    Liebe Grüße
    Kerstin

  2. Irmgard Kaiser-Kielwein

    Vielen Dank! Ich bin begeistert von dieser schönen Beschreibung, die eigene Intuitionen, Wahrnehmungen, Handlungen und Gedanken zulässt. Ja, das habe ich immer so gefühlsmäßig in den Alltag der Weihnachtszeit einfließen lassen. Und nun bin ich glücklich, zu hören, dass das wohl gar nicht so falsch sein kann.
    Die Besinnung auf die Tage (und langen Nächte), die eigentlich ruhig und tatsächlich besinnlich sein sollten – unabhängig von religiösen Ritualen – das ist wohl der Kern der Sache. Vielleicht auch ein Ansporn, sich in Genügsamkeit und Bescheidenheit zu üben – ein Gedanke , der zur Weihnachtszeit sehr passend eingebracht werden kann….

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