Es kann so verdammt schnell gehen. ๐ข
Als ich Mittwochfrรผh die Hรผhnerklappe รถffnete und die vier Mรคdels nacheinander nach drauรen marschierten – Lilly wie immer als letzte – ahnte ich nicht, dass ich zum letzten Mal beobachte, wie die kleine Henne einfach keck nach unten flatterte, statt die Hรผhnerleiter zu benutzen. Dass sie nur noch anderthalb Tage leben wรผrde-
Lilly fraร normal. Sie spazierte den ganzen Tag รผber normal durch den Auslauf. Pickte hier einen Grashalm, scharrte da nach einem Leckerbissen.
Wรคhrend ich nachmittags ausmistete, saร sie im Legenest. Ich dachte mir nichts dabei – das machen all meine Mรคdels zwischendurch mal, auch wenn sie nicht legen.
Abends gegen halb sieben ging ich nach dem letzten Meeting nochmal nach drauรen, um nach den Hรผhnern zu sehen. Alle vier waren im Auslauf unterwegs und schauten mich erwartungsvoll an, ob ich vielleicht irgendetwas zu essen dabei hรคtte.
Da fiel mir auf, dass Lilly etwas Dunkles am Bein hรคngen hatte: Blut. Und am Bauch war noch mehr davon. Das sah nach einer richtig รผblen Wunde aus, aus der etwas Walnussgroรes herausschaute.
Im Auslauf war sonst kein Blut zu sehen, sie hatte sich also anscheinend nicht an irgendetwas verletzt. Allerdings war das Stroh im Legenest mit Blut gesprenkelt.
Ich alarmierte den Besten und wir bastelten in aller Windeseile einen Karton mit Luftlรถchern zusammen, in den wir die Kleine setzten. Zum Glรผck hatte der Tierarzt noch offen – ich meldete uns telefonisch an und wir fuhren hin, so schnell wir konnten.
Beim Tierarzt
Dort angekommen, waren wir natรผrlich nicht die einzigen. In Zeiten von Corona ist der Parkplatz das neue Wartezimmer.
Eine Tierarzthelferin nahm Lilly in ihrem Karton entgegen und ging erstmal alleine mit ihr rein, damit die รrztin ganz schnell zwischendurch checken konnte, ob es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall handelte oder nicht. Glรผcklicherweise kennt man sich in dieser Praxis gut mit Hรผhnern aus, sie wurde uns auch vom Tierschutzhof empfohlen.
„Halb so schlimm“, meinte die Dame ein paar Minuten spรคter und รผberreichte mir wieder Lilly mitsamt Karton. Es sei ein aufgeplatzter Tumor und wir kรคmen demnรคchst dran.
Urgh, ein Tumor?! ๐ซค Wir hatten ja sehr gehofft, dass es vielleicht einfach ein „verklemmtes Ei“ oder so etwas wรคre. Ein Tumor klang รผbel und so ganz und gar nicht nach „halb so schlimm“.
Wir mussten nicht lange warten. Diesmal konnte ich mit ins Behandlungszimmer gehen. Lilly wurde hochgehoben und die Tierรคrztin punktierte den Tumor, um sicherzugehen. Lilly schrie bei dem Pieks so jรคmmerlich auf, dass es mir schier das Herz zerriss-
Die Blutuntersuchung bestรคtigte, dass es sich um verรคnderte Zellen handelte. Das kรถnne man aber operieren und den Tumor entfernen. Hรผhner seien robust und Lilly ja auch noch jung. Puh!
Freitagnachmittag – also am รผbernรคchsten Tag – sollte sie operiert werden.
Die Kleine wurde noch gewogen (1,2 kg) und ich bekam ein Antibiotikum ausgehรคndigt.
Das Gรคste-WC wird zum Hรผhnerhospital
Was auch immer sich die Evolution dabei gedacht hat – Hรผhner picken gnadenlos auf ihresgleichen ein, wenn diese eine blutende Wunde haben. Deswegen musste Lilly von ihren Freundinnen separiert werden, auch nach der OP noch fรผr etwa eine Woche.
Unser Stall hat zwar viele Features, ein Gรคstezimmer gehรถrt aber nicht dazu. Daher rรคumten wir kurzentschlossen unser Gรคste-WC leer: Teppich raus, Klobรผrste, Stehrumchen, Handtรผcher… einfach alles.
Den Boden legten wir mit Karton aus, damit Lilly nicht auf den kalten Fliesen sitzen wรผrde, und streuten darรผber dick Einstreu aus.

Zum Glรผck haben wir zwei Legenester und zwei Wassertrรคnken. Kรถrner in einer Schale dazu und frisch gepflรผckte Blรคtter und Gras von drauรen… die Kleine sollte sich nicht wie im Gefรคngnis fรผhlen.
Als Lilly auf das Waschbecken flatterte, war klar: hier wollte sie gerne erhรถht schlafen. Also polsterten wir auch das Waschbecken mit einem Tuch und Einstreu aus.


Lilly war ziemlich aufgeregt und pickte an ihrer Wunde, aus der deswegen immer wieder etwas Blut tropfte. Da es mittlerweile schon Schlafenszeit war fรผr die Hรผhner, hofften wir, dass auch Lilly einfach zur Ruhe kommen und รผber Nacht nicht mehr picken wรผrde, damit sich die Wunde verschlieรen konnte.
Nach einer fรผr uns recht schlaflosen Nacht schauten wir am nรคchsten Morgen in aller Frรผh um kurz nach 4 Uhr nach Lilly: sie saร noch im Waschbecken und schaute uns recht munter an. An der Wunde hatte sich eine Art Propf aus Blut gebildet und im Waschbecken war auch Blut – irgh. Aber es blutete jetzt nicht mehr.
Ich schaute regelmรครig bei ihr rein, mistete aus und wischte das inzwischen getrockente Blut weg, damit wir sehen wรผrden, wenn neues dazu kรคme. Das passierte zum Glรผck nicht und wir waren extrem erleichtert.
Allerdings schien sie nicht fressen zu wollen – weder die mit dem Antibiotika getrรคnkten Brotwรผrfelchen, noch die Nudeln, die ich ihr brachte. Dabei sind Nudeln normalerweise der Renner schlechthin.

Lilly spazierte im Bad herum und wirkte etwas ruhiger als sonst – aber klar, dachte ich mir, sie hat sicherlich Schmerzen und vor allem Stress. Andere Umgebung, alleine ohne ihre Hรผhnerfreundinnen, die Fahrt zum Tierarzt, … arme Lilly. Anders als ein Hund oder eine Katze haben Hรผhner meist allerdings nicht so eine Bindung an den Menschen. Gerade Lilly war immer sehr scheu und lieร sich nicht einfach anfassen. Sie einfach zur Beruhigung streicheln ging jetzt also leider nicht.
Nachmittags fiel mir auf, dass ihr kleiner roter Kamm auf einmal blasser war als normal und auch etwas schlaff wirkte. Lilly wirkte fast schon apathisch. Nicht gut, dachte ich mir, und wollte den Tierarzt anrufen und nachfragen. Vielleicht kรถnnte ich ihr ja irgendetwas zum Aufpรคppeln in den Schnabel spritzen oder so.
Noch einmal Flattern-
Nur ein paar Minuten spรคter, wir waren gerade im Wohnzimmer, hรถrten wir auf einmal hektisches Geflatter aus dem Gรคstebad. Wir rasten rรผber – und fanden Lilly unterm Waschbecken liegen, ohne Puls. „Sie ist tot“, murmelte der Beste-
Ich wollte es nicht wahrhaben. Hoffte so sehr, dass sie gleich einfach blinzeln wรผrde-
[…]
Wir hielten sie beide noch lange im Arm, streichelten sie.
Das kam so verflucht plรถtzlich und unerwartet.
Anscheinend hatte sie doch zu viel Blut verloren.
Warum, verdammt nochmal, hatten wir nicht darauf bestanden, dass sie direkt am nรคchsten Tag operiert wird? Dann hรคtte sie vielleicht noch eine Chance gehabt. ๐
Wir legten Lilly in eine kleine Kiste und hofften dabei beide, dass das alles nur ein Irrtum war und sie gleich wieder flattern wรผrde-
Mit der Kiste gingen wir zu den anderen Hรผhnern. Wir wollten ihnen ihre tote Freundin noch einmal zeigen – vielleicht wรผrden sie das verstehen. Als damals unser Kater eingeschlรคfert wurde, durfte Nala danach nochmal zu ihm. Ich glaube, sie hat dadurch irgendwie verstanden, warum er nicht mehr da war.
Insbesondere Eule war vorher den ganzen Tag suchend umhergelaufen und hatte sich fragend umgeschaut, wo denn bloร Lilly sei.
Die Hรผhner interessierten sich aber absolut nicht fรผr ihre tote Gefรคhrtin. Naja, einen Versuch war’s wert.
Spรคter am Abend begruben wir Lilly im Garten. ๐
Wir machen uns unglaubliche Vorwรผrfe. Auch wenn ich weiร, dass ich nichts fรผr den Tumor kann und er so oder so aufgeplatzt wรคre… Lilly war gerade einmal drei Wochen in meiner Obhut und schon ist sie tot. ๐ข
Es ist verrรผckt – Lilly war nicht einmal einen Monat lang Teil unseres Lebens. Anders als Nala und Juli lieร sie sich auch nicht streicheln, verbrachte nicht den ganzen Tag an unserer Seite. Und trotzdem ist sie uns in dieser kurzen Zeit unglaublich ans Herz gewachsen.
Wie sie quietschte, statt zu gackern wie die groรen Hรผhner. Wie sie รถfters etwas planlos und verzweifelt durch den Volierendraht zu den anderen Hรผhnern guckte und nicht kapierte, dass sich die Tรผrรถffnung einen halben Meter neben ihr befand. Wie sie beim Fรผttern die anderen drei Mรคdels vorgehen lieร und sich dann, wรคhrend die gerade den Schnabel voll hatten, die besten Leckerbissen stibitzte.

„Der Tod gehรถrt zum Leben.“ – „Wenigstens musste sie nicht lange leiden.“ – „Vorher hatte sie es wenigstens gut.“ – Der Verstand kennt all diese Phrasen, trotzdem schreit das Herz. ๐
Mach’s gut, kleine Lilly.
Wir hatten dich sehr lieb.

Liebe Anne,
es berรผhrt mich sehr, wie Du hier Euer Bemรผhen um die kleine Henne und schlieรlich ihren Tod schilderst. Ich finde es groรartig, wie Ihr Beide von Anbeginn mit dem „Schreckensbild“ umgegangen seid. So viel Verantwortung, daraus resultierendes Handeln und Tierliebe wรผrde ich mir รผberall wรผnschen!!!
Ich weiร nur zu gut, wie sehr es schmerzt, wenn ein Lebewesen, das man ins Herz geschlossen hat, und fรผr das man sich verantwortlich fรผhlt, stirbt. Es trifft einen direkt ins Herz, und das tut bekanntlich richtig weh!
Ihr werdet Eure kleine Lilly nie vergessen.
Und ich bin mir jetzt auch ziemlich sicher, Eure Hennen werden auch nicht den Weg รผber den Kochtopf in Euren Magen finden. Bei uns durften unsere Hennen, denen wir auch alle Namen gegeben hatten, als Ihre Legezeit vom Alter her beendet war, im „Ruhestand“ ein frรถhlich gackelndes „Hรผhneroma-Leben“ weiter fรผhren.
Ich wรผnsche Euch und Eurer Umwelt, dass Ihr diese Einstellung zu allem was lebt, beibehaltet und dass Ihr mit den 3 anderen Hรผhnern eine lange schรถne Zeit miteinander haben werdet. Fรผhlt Euch einach mal so – gedrรผckt!
Alles Liebe
Heidi
Hallo Heidi,
vielen Dank fรผr deine lieben Worte!
Im Kochtopf landen werden unsere Mรคdels auf gar keinen Fall! Lotte legt ja beispielsweise keine Eier und trotzdem darf sie natรผrlich in Ruhe alt werden. Sie sind fรผr uns Familienmitglieder und die isst man nicht.
Liebe Grรผรe
Anne
das ist so traurig und tut mir wirklich total leid fรผr euch ๐ aber auch wenns schwer ist: versuch dir keine vorwรผrfe zu machen. du hast nach bestem wissen und gewissen gehandelt, auch wenn das ein schwacher trost ist ๐
Dankeschรถn fรผr deine Worte. <3
Oh nein, das tut mir so unendlich leid. ๐
Es ist ganz bestimmt nicht eure Schuld. Ich weiร, man macht sich trotzdem Sorgen und Vorwรผrfe. Sie hatte aber groรartige Wochen bei euch. Ihr seid tolle Hรผhner-Eltern! <3
Fรผhl dich gedrรผckt!
Hallo Steffi,
danke, das ist lieb von dir! <3
Ach ihr Zwei, das tut mir leid.
Ich weiร, das sagt sich jetzt leicht – aber macht euch nicht so lang so viele Vorwรผrfe. Ihr konntet nichts dafรผr und habt das gemacht, was ihr fรผr das Beste gehalten habt. Es ist nicht eure Schuld.
Lieben Dank. <3