Nicht zu einen Spaziergang durch ein Minenfeld, wohl aber zu einem literarischen Spaziergang quer durch seine Werke der letzten Jahre lud Oswald Henke gestern ein.
Soeben ist das dritte Buch des Masterminds von Goethes Erben, Erblast und fetisch:Mensch erschienen – „Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig“ – und so begibt sich Herr Henke auf Lesereise quer durch Deutschland. Den Auftakt des „Seelenkonzils“ stellte seine gestrige Lesung in der Essener Zeche Carl dar.

Knapp einhundert Menschen waren erschienen, sodass der Abend in fast schon intimer Atmosphäre verlief. Keine Massenveranstaltung also, aber dafür eine all inclusive-Show mit Süßigkeiten für alle. :o)
Eine spärlich möblierte Bühne – ein mit einem schwarzen Samttuch bedeckter Tisch und zwei Stühle – und dann, um Punkt acht, ein gut gelaunter Oswald Henke, der sich mit einem sperrigen Koffer abschleppte. Was dieser Koffer mit dem ordentlichen und aufgeräumten Zustand der Bühne anrichten sollte, zeigte sich im Verlauf des Abends. 😉
Dass Oswald die Interaktion mit seinen Zuschauern groß schreibt, zeigte sich alsbald: die vier zuerst erschienenen Gäste des Abend wurden nicht nur am Eingang mit einem exklusiven Glas Sekt begrüßt, sondern auch gleich zu Beginn der Lesung zum Anstoßen kurz auf die Bühne gebeten.

Als nächstes beorderte Oswald zwei mutige Freiwillige zu sich auf die Bühne und ließ sie links und rechts von sich Platz nehmen. „Na, wer von euch ist der Gute, wer der Böse?“ – Der Dame fiel der Part der Bösen zu, sie bekam ein Päckchen Kreide in die Hand gedrückt mitsamt der Instruktion, allzu unruhige Störenfriede im Publikum durch ein gezielt geworfenes Stückchen Kreide zu reglementieren. Ihrem freundlichen Gegenspieler wurde die Aufgabe zuteil, Seifenblasen in den Raum zu pusten, wenn es denn gar zu ernst und still werden sollte. Wie sich zeigte, hatte Letzterer deutlich mehr zu tun. 😉
Eröffnet wurde der Abend mit einer Kolumne von Henke Digital – was einst Henke Trocken hieß und vielen sicherlich durch die Veröffentlichungen im Orkus-Magazin ein Begriff ist, hat nun einen neuen Namen bekommen. Nachlesen und kommentieren könnt ihr diese Kolumne übrigens auf oswald-henke.de.
Ein kritischer Blick auf die derzeit herrschende Bankenkrise, das Gejammer und die Angst der breiten Masse, und am Ende ein Aufruf, sich sein Leben nicht durch das Geld und die Angst um selbiges bestimmen zu lassen: „Angst ist kein guter Berater, wenn es darum geht, sein Leben zu leben. Eine gesunde Vorsicht ist wichtig, um zu überleben, aber nur sein Leben abzuleben, sprich zu überleben, ist mir zu wenig. Aus diesem Grund erscheint mein neues Buch jetzt und nicht irgendwann, gehe ich jetzt auf Lesereise, denn ich glaube, es wird eine schöne Zeit, wenn sich Menschen treffen, die ähnliche Interessen haben. Und wenn ich eines wirklich kann, dann ist es, Geschichten zu erzählen und Menschen zu unterhalten und darauf freue ich mich ganz besonders.“
„Ich fang dich auf“, „Lass mich“ – das Motiv der Liebe als heilendes Gegengewicht zu durchgemachtem Leid zieht sich gleich einem roten Faden durch das neue Buch und durch die gestrige Lesung, wenngleich auch die Liebe selber als durchaus schmerzliche Erfahrung thematisiert wird: etwa in „Nicht heute, aber morgen“ oder in „Zwischenseelenträume“. „Küsse mich, / aber denke daran, / dass jedes Echo als Alternativkuss / ein Stück aus deiner Seele reißen wird.“

Was eigentlich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen „Goschücksch“ und Emos ausmacht, dem wurde als nächstes auf den Grund gegangen. Requisitien: zwei Unterhosen (einmal schwarz-weiß mit Totenköpfen bedruckt und einmal in stilvollem Schwarz und Rot; ihr dürft raten, wem welche zuzuordnen ist *g*), ein schwarz-weiß gestreifter Pulli und eine ebenso karierte Jacke („das kann man auch kombinieren!“), ein Nietengürtel und – ein Kajalstift. Aha, eine Gemeinsamkeit. Aber der Satz, dass Gothics selbstverständlich tiefsinniger und außerdem zumeist auch älter sind, durfte natürlich nicht fehlen. Ein kurzweiliger Ausflug über den Tellerrand der Szene hinaus, der sicherlich das Eis brach und für viel Gelächter sorgte, wenngleich das Gefrotzel über Emos nicht zuletzt durch zahlreiche einschlägige Forenthreads mittlerweile doch ziemlich abgedroschen ist.


Als aus dem immensen Fundus an Requisitien eine Handpuppe mit blutbeflecktem Kittel auftauchte, war klar: Heiner, „wo ist Iphigenie?“
Der Thematik des Kannibalismus blieb man auch beim nächsten Stück treu, der „Ballade vom Menschen, der sich selbst aß“.
Nebst Heiner bevölkerten noch zwei weitere Handpuppen kurzzeitig die Bühne und wiesen auf den Unterschied zwischen Mann und Frau hin: während das rosefarbene Plüschknäuel vernehmlich quietschte, blieb das blaue stumm – „der musste gewaschen werden, der klebte von oben bis unten“. Ahem, ja. 😉

Drei offensichtlich einen Zyklus bildende Gedichte, die mit fetisch:Mensch ihre Vertonung fanden: Narbenkind, Sonnenkind und Damalskind.
Den Abschlus des Abends bildetete das Stück Abseits des Lichts… vorgetragen von einem im Mittelgang des Zuschauerraums knieenden Oswald, das Gesicht in den flackernden Kerzenschein einiger Teelichter getaucht. Gänsehaut.

So bleibt zu hoffen, dass Herr Henke bald wieder auf der Bühne zu erleben sein wird, sei es mit fetisch:Mensch, zu einer weiteren Lesung oder – warum nicht? – einem Abend, an dem er seinen Spieltrieb, den er laut eigener Aussage nicht mehr so ganz unter Kontrolle hat, vor und mit seinem Publikum auslebt.
… bin ich denn wahnsinnig, weil ich hoffe? 😉


